von der osten

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Erzählen, wie das Leben ist

Zur Bildauffassung von Ulrike von der Osten // Angelica Horn

Ulrike v. der Osten erzählt in ihren Bildern, ohne Geschichten zu erzählen. In ihren Bildern ist eine Erzählung möglich geworden, die weder narrativ Ereignisse verknüpft, wie dies zeitgenössisch in Gemälden von Neo Rauch unternommen wird, und früher z.B. die Maler der deutschen Romantik erstrebten, noch die zentrale Situation einer Geschichte hervorhebt, wie dies Lessing am Bildwerk des Laokoon demonstrierte und dies in der Historienmalerei, z.B. von Jaques-Louis David, angestrebt wurde, oder heutzutage Thomas Demand macht, auch wenn dieser gerade nicht erzählt, sondern in der Rekonstruktion des Tatorts an die verbreiteten Bilder des Geschehens erinnert. Die Geschichte im Sinne einer Abfolge, eines zeitlichen und vielleicht im Bilde zu bannendes Geschehen ist nicht Ulrike v. der Ostens Anliegen oder Ziel. Ihre Bilder erzählen. Aber sie erzählen keine Geschichte, kein Geschehen: Sie erzählen eine Situation.

Eine Situation zu erzählen, bedeutet nicht, sie zu beschreiben, denn das Beschreiben wäre bereits eine Geschichte. Erzählen bedeutet, kund zu tun, wie etwas ist und wie es aussieht. Es geht nicht um einen Ausschnitt, nicht um den alles versammelnden Augenblick, nicht um die Prägnanz im Kontext der Historie, nicht um den Verlauf von einst bist jetzt und morgen. Es geht um die Situation, die in sich zeitlos ist und zugleich in sich Zeit hat. Geschichte bleibt außerhalb des Bildes, die Situation ist in ihr.

Ulrike v. der Osten steht in ihrer Bildauffassung in der Tra dition eines Paul Cezanné, der wohl als erster jede Geschichte aus dem Bild ließ, ohne abstrakt auf das Bild als Bild zu reflektieren. Das Entscheidende ist die Erkenntnis, daß ein Bild als Erzählung einer Situation darin Bestand hat, daß jede malerische Setzung den gleichen Rang, dieselbe Wertung, dieselbe Bedeutung hat. Umgekehrt gesagt, das Bild als Situation der Malerei besteht in der Demonstration einer gesehenen, einer sichtbaren Erzählung.

Ein Angler steht im Bild. Die Fußstellung deutet darauf hin, daß er sich im Gehen befindet. Als zentrale Figur ist er dadurch markiert, daß die Farben der anderen Bildflächen sich in seiner Kleidung wiederfinden, die Farbe des Bodens, wie die blaue Fläche, die wir als Meer zu identifizieren geneigt sind. Die Angelrute stellt die Beziehung zu dieser Fläche her. Aufgrund der Fußstellung wissen wir, daß er nicht am Angeln ist. Es geht nicht um das Geschehen des Angelns, sondern um die Situation des Anglers in eben diesem Kontext.

In anderen Situationen ist die Figur des Anglers in ihrer Farbigkeit freigestellt vom Kontext. Ulrike v. der Osten scheut sich nicht, das Atmophärische der Farbigkeit in Anspruch zu nehmen. Die Atmosphäre ist spürbare Verdichtung der Situation. Besonders deutlich wurde mir das vor dem Bild „Kindheit”, in dem die zentrale Figurengruppe wie entrückt scheint – in der Malweise wie durch das sie umgebende Grün, eben wie ein Bild aus der Vergangenheit, ohne daß sich das Grün der Situation bemächtigen kann, nicht zuletzt durch die aufgesprengten Farbpunkte, wie sie sich auch in anderen Bildern finden. Das Atmosphärische nimmt teil – gerade weil es sich nicht um Geschichte, um keinen Roman handelt.

Ulrike v. der Osten bedient sich oft eines oder mehrerer Fotos, um eine Situation, zusätzlich zu ihrer Erinnerung, festzuhalten. Im Falle der Wanderer im Walde waren es mehrere Fotos, was dazu fährt, daß jede Figur für sich steht und geht. So fügen sie sich in den Kontext der Bäume ein. Kontext und Figur reflektieren sich wechselseitig – es geht um die Autonomie des Bildes und um Freiheit. Das schließt die Teilhabe der Malerin an ihren Bildern ein.

Ulrike v. der Osten realisiert ihre Bildauffassung, in dem sie mit möglichst luzidem Farbauftrag, die jedes malerische Ereignis in seiner Freiheit aufscheinen läßt, die Figuren ihrer Bilder deutlich macht: Sei es eine Person, eine Gruppe von Bäumen, oder eine einzelne Figur im Schnee. Die Sprache verrät sich, weil sie versucht zu identifizieren, Figuren festzuhalten. Und die Wahrnehmung tendiert auch dazu. Den Angler können wir nicht begreifen, die Situation nicht verstehen, wenn wir nicht die Farbe der anderen Bildflächen sehen.

Menschen im Wald, unterwegs, so erzählt die Sprache. Das Bild zeigt, wie jeder für sich ist. So wie jeder Baum, jeder Strich, jeder Fleck [tache]. So erzählen die Bilder von Ulrike v. der Osten, wie das Leben ist. Jeder und jedes ist für sich. Und zugleich gibt es die glücklichen und glücklichsten, wie die einsamsten oder traurigsten Situationen, wo Kontext und Verbindung vom Menschlichen reden. Für mich am großartigsten ist dies gelungen im Bild einer Frau mit Vogel auf einem Balkon. Das Lapidare des Lebens – das vermeintlich Lapidare – die Situation, die Präzision des Bildes auf den Punkt zu bringen – genau das erzählt davon, wie das Leben ist.

Frankfurt am Main 2009